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Training in "Coolness" - Pilotprojekt gestartet
Ketsch.
Mit dem so genannten "Coolness-Training" (CT), einem gemeinsamen Projekt der Polizeidirektion Heidelberg und des Polizeipräsidiums Mannheim, sollen Jugendliche lernen, in konfliktträchtigen Alltagssituationen
kompetenter zu handeln. Im CT geht es um die Ursachen, Auslöser und Gelegenheiten für aggressives und gewalttätiges Verhalten von Kindern und Jugendlichen. Ziel ist hierbei die Verbesserung von Klassenklima und
Klassenzusammenhalt, denn offene oder verdeckte Konflikte, mangelnde Disziplin, Spannungen zwischen Schülergruppen, Ausgrenzung und Mobbing erschweren das Lernen ebenso wie das Unterrichten. Mit Hilfe des Projekts sollen
Schüler zu "Profis" beim Erkennen von Gewalt und im Umgang damit ausgebildet werden. Zu den Trainingsmethoden gehören unter anderem Übungen zur Verbesserung der Team- und Konkurrenzfähigkeit, Rollenspiele,
schriftliche und mündliche Befragungen, Verhalten in Konfliktsituationen und Provokationstests. Das Training erfolgt mit der siebten Klasse der Neurottschule. Die Gruppe war im vergangenen Schuljahr in zwei getrennten Klassen
unterrichtet und dann, nach Rückgang der Schülerzahl auf 27, in eine Klasse zusammengeführt worden. Bundesweit erstmalig begleitet ein ausgebildeter Therapiehund der Kriminalprävention des Polizeipräsidiums Mannheim das Projekt. Der Hund ist als "Mittler" im Klassenzimmer anwesend: Er fordert wenig und akzeptiert das Wesen seines Gegenübers. Im Kontakt mit den Menschen kann er Schwellenängste abbauen, aber auch konkrete Grenzen setzen oder - bei falschem Umgang - sich zurückziehen. In wissenschaftlichen Untersuchungen zu den Wechselwirkungen zwischen Menschen und Tieren wurden zahlreiche Effekte, beispielsweise Stärkung des Selbstwertgefühls, Aggressions- und Stressabbau, Motivation sowie Förderung sozialer Kompetenz, erforscht und belegt.
Das Coolness-Training, eine Kombination aus Sucht- und Gewaltprävention, ist eine pädagogische Maßnahme auf Klassenebene und möchte soziale Fertigkeiten vermitteln wie das Wahrnehmen und Ausdrücken von Gefühlen,
Selbstbehauptung und Einfühlungsvermögen. Das Besondere dieses Projektes ist, dass Personen unterschiedlicher Institutionen - Schulsozialarbeiter, Lehrer, Therapiehunde-Team und Polizeimitglieder - zusammenarbeiten, wodurch ein vielschichtiges Know-how zum Einsatz kommt. Mit "an Bord" sind, neben Schulleiterin Angelika Krieger und Schulsozialarbeiterin Marion Sandritter, die Polizeidirektion Heidelberg, das Polizeirevier Schwetzingen, das Polizeipräsidium Mannheim, das Landratsamt und die Psychologische Beratungsstelle Schwetzingen. sas
Hinsehen, hinhören, handeln: Schüler lernen gemeinsam
In der siebten Klasse der Neurottschule steht jeden Donnerstag ein außergewöhnlicher Unterricht auf dem Stundenplan Von unserem Redaktionsmitglied Sabine Janson
Ketsch. Gewaltprävention soll nicht nur als fester Bestandteil in das Schulprofil, sondern auch in die tägliche Unterrichtszeit integriert werden. Dies hat sich die Neurottschule auf die Fahnen geschrieben. Im
Pilotprojekt "Coolness-Training" wird aus Theorie erfahrungsbezogene Praxis. Wir waren zu Gast in einer solchen Unterrichtsstunde. "Wie ist die Stimmung?", fragt Schulsozialarbeiterin Marion Sandritter
und die Schüler halten Karten hoch: grün bedeutet ,gut', gelb heißt ,es geht so' und rot beinhaltet ,schlecht'. Viele Karten, die in die Luft gestreckt werden, sind grün oder gelb - ein positives Symbol und beste Voraussetzung
für eine produktive Unterrichtsstunde. Apropos Unterricht: Hier ist nichts wie sonst üblich. Keine Schul-Sitzbänke stehen in Reih' und Glied nebeneinander; stattdessen gibt es nur die im Halbkreis aufgestellten Stühle. Tafel,
Kreide, Schulbücher - werden nicht benötigt. Ein Projektor ist das einzige Hilfsmittel, und den Unterricht gestalten Polizeibeamte. Und
noch jemand ist im Klassenzimmer anwesend: Hündin "Abja" geht ruhigen Schrittes an den Schülern vorbei, reckt hier und da ihren Kopf, um gekrault zu werden und macht es sich dann am Boden bequem - die Ohren immerzu
gespitzt! Windhündin Abja ist ein Therapiehund, der speziell ausgebildet wurde, um mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. Abja hat ein ruhiges Wesen und ein sensibles Gespür für Stimmungen: Bei Aggression zieht sie sich
sofort zurück, während sie auf Freundlichkeit mit einem zärtlichen Schnauzestupser reagiert. Die Schüler scheinen zu spüren, dass etwas anders ist, obwohl die Hündin kaum auffällt. Die Mädchen und Jungen verhalten sich
gleichermaßen diszipliniert und freuen sich sichtlich, wenn Abja bei ihnen verweilt - ist es doch ein Zeichen dafür, dass die Atmosphäre entspannt ist.
"Ja- oder Nein-Ecke" Roland Matzke vom Polizeipräsidium Mannheim beginnt mit der "Aufmerksamkeits-Fokussierung", die er in der vergangenen
Unterrichtsstunde mit den Schülern geübt hatte: Gerade Sitzhaltung einnehmen, Hände auf die Oberschenkel legen und sich konzentrieren. Ein Stichwort genügt, und schon herrscht Stille im Zimmer. Kurz darauf übernimmt Petra
Liebitz, ebenfalls vom Polizeipräsidium Mannheim, die Leitung: Das so genannte "Entscheidungsspiel" steht auf dem Programm und schon kommt Bewegung in die Klasse. "Ein Schüler stört den Unterricht. Ist das für
dich Gewalt?" lautet die erste Frage. Diejenigen, deren Antwort ,ja' lautet, gehen auf die rechte Seite des Klassenzimmers, die anderen auf die linke Seite. Anschließend müssen die Entscheidungen begründet werden.
"Wenn jemand den Unterricht stört, können sich andere, die etwas lernen wollen, nicht mehr konzentrieren. Also ist es eine Form von Gewalt!" - "Das finde ich nicht! Gewalt ist nur körperlich und das Stören des
Unterrichts ist nicht so schlimm!" Die Meinungen der Schüler gehen auseinander. Auch die folgenden Fragen, bei denen es unter anderem darum geht, dass ein Schüler eine Schülerin gegen ihren Willen in den Arm nimmt und
diese daraufhin dem Schüler eine Ohrfeige gibt, werden kontrovers diskutiert. Ist es Notwehr? Verteidigung? Ein Akt der Gewalt? Weder die "Ja-Ecke" noch die "Nein-Ecke" bleibt jemals ganz leer. Schnell wird
klar, dass es keine falschen oder richtigen Antworten gibt. "Gewalt wird nur vom Opfer verstanden, nicht vom Täter", bringt Petra Liebitz das Ergebnis des Spiels auf den Punkt. "So lange Schüler unter Gewalt
nicht dasselbe verstehen, ist es schwierig, Gewalt gemeinsam zu definieren." Rollenspiele Wie man zu gewaltfreien Lösungen finden kann, soll das nächste Spiel verdeutlichen. Ein Schüler und eine Schülerin
werden mit Handschellen aneinander gefesselt. Rechts und links der beiden werden auf dem Boden Geschenke gelegt, und zwar so, dass die Schüler sie nicht aus dem Stand erreichen können. "Wer sein Geschenk zuerst erreicht,
hat gewonnen", sagt Petra Liebitz auffordernd. Es dauert nur wenige Sekunden: Der Schüler, zweifelsohne an Kraft und Stärke der Schülerin überlegen, zieht mit einem Ruck nach links und hat sein Geschenk erreicht. Stolz
hält er es in die Höhe, während sich die Schülerin das schmerzende Handgelenk reibt, auf dem die Handschellen leichte Spuren hinterlassen haben. "Wie hätte das Problem anders gelöst werden können?", lautet nun die
Frage, nachdem Roland Matzke die beiden Schüler von ihrer "Fesselung" befreit hat. Viele Vorschläge werden gemacht und schließlich die Lösung gefunden: Zuerst zusammen das eine Geschenk nehmen, dann gemeinsam das
andere. "Wichtig ist es, sich in schwierigen Situationen auszutauschen, ruhig zu bleiben und nicht gegeneinander sondern miteinander zu arbeiten", unterstreicht Petra Liebitz. "Wenn ihr euch des Problems
bewusst werdet und dann auch den Mut habt, es auszusprechen, seid ihr auf einem guten Weg, um gemeinsam zu handeln oder wenigstens um Hilfe zu ersuchen", ergänzt Roland Matzke. Ein weiteres Spiel widmet sich dem Thema
"gutes Zuhören/Störungen in der Kommunikation". Zwei Tische werden aufgestellt und zwei Schüler setzen sich hin, den Rücken einander zugewandt. Während der "Sprecher" mit Bauklötzen etwas baut, teilt er dem
"Zuhörer" jeden seiner Schritte mit, so dass dieser dasselbe bauen kann. Das Experiment glückt: Die beiden "Bauwerke" sehen fast gleich aus. Beim zweiten Durchgang werden beiden Schülern "Störer"
an die Seite gestellt, die ständig dazwischenreden und abzulenken versuchen. Im Nu verwandelt sich das zuvor noch koordinierte Bauen in ein chaotisches Unterfangen. Immer und immer wieder muss der "Sprecher" seine
Anweisungen wiederholen, während der "Zuhörer" fast nichts davon versteht. Beide werden zornig und gereizt - Hündin Abja zieht sich zurück. Das Ergebnis ist eindeutig: Von gleichen "Bauwerken" keine Spur
mehr. Nur die "Störer" fanden es lustig! Mit dieser anschaulichen Demonstration wurde den Schülern vor Augen geführt: "Geht fair miteinander um, dann könnt ihr den Stress schon im Keim ersticken", fasst
Roland Matzke zusammen. Die Schüler sind spürbar aufgewühlt, beginnen zu diskutieren und manche sagen, dass sie nicht geglaubt hätten, dass eine Störung tatsächlich so großen Einfluss auf das Bauen mit den Klötzen haben
könnte. Windhündin Abja steht wieder bei den Schülern und lässt sich streicheln - das beruhigt und besänftigt die Gemüter. "Setzt euch erst einmal wieder hin", fordert Marion Sandritter auf. Allmählich kehrt Stille ein und ein Junge fragt: "Wie geht es denn jetzt
weiter?" Dass Schüler wissen wollen, was sie als nächstes lernen müssen (und zwar nicht mit dem Hintergrund, gleichzeitig zu erfahren, wann der Unterricht zu Ende ist), ist ein schöner Erfolg für das Projektteam, das in
der Tat noch spannendes Lernmaterial mitgebracht hat, unter anderem den Videofilm "Gewalt in der U-Bahn". Hinsehen, hinhören, handeln: Mit den "drei großen H's" geht eine Stunde zu Ende, die Eindruck
hinterlassen hat. "Wie ist die Stimmung?", fragt Marion Sandritter zum Abschluss. Ein Meer aus grünen Karten, die nach oben gehalten werden, ist die lautlose Antwort.
Mitmachen und Meinung sagen!
Ergebnisse der Schülerbefragung ins Lernprogramm integriert
Ketsch. Ein Pilotprojekt macht nur dann Sinn, wenn Reaktionen darauf beobachtet und in den Projektverlauf integriert werden. So war es für die
Verantwortlichen des "Coolness-Trainings" selbstverständlich, die Schüler von Anfang an einzubinden, nicht nur durch aktives Handeln, sondern auch in Form von Meinungsaustausch. Dr. Ulrike Hoger von der
Pädagogischen Hochschule Karlsruhe übernahm diese Aufgabe. Bei Projektbeginn erhielten die Schüler Kärtchen mit Fotos und Eigenschaftsbeschreibungen. Anschließend stellte Dr. Hoger Fragen und schilderte unterschiedliche
Verhaltensweisen - von ruhig über temperamentvoll bis hin zu aggressiv. Die Aufgabe der Schüler bestand darin, die einzelnen Charaktere zu bewerten, indem sie die ihrer Meinung nach entsprechenden Kärtchen der jeweiligen
Beschreibung zuordneten. Auf diese Weise konnte sich Dr. Hoger ein erstes Bild der Klassenstruktur und der ein oder anderen Tendenz zur Gewaltbereitschaft machen. Nach wochenlanger Umsetzung des Projektes galt es, eine
kleine Zwischenbilanz zu ziehen. Abermals wurden die Schüler befragt, dieses Mal in Zweiergruppen. Um Einblicke in den Erfolg oder Nichterfolg zu gewinnen, wurden die Fragen nun nicht mehr allgemein und anonyme Personen
betreffend erörtert, sondern es wurde gezielt über Belange in der eigenen Klasse gesprochen, über die Einschätzung anderer Schüler und die Einstellung zu den Lehrern.
Das Ergebnis ließ keinen Zweifel an der Richtigkeit des Projektes: Fast alle Schüler empfanden den Projektunterricht als äußerst gut. Vor
allem die Anwesenheit des Vierbeiners wurde hervorgehoben: "Wenn die Hündin dabei ist, ist es immer leise im Klassenzimmer. Ist sie nicht dabei, werden Aufrufe, still zu sein, gerne von anderen Mitschülern überhört", beschrieben die Mädchen und Jungen ihre Klasse, von der sie unisono das Gefühl haben, dass keine wirklich gute Gemeinschaft besteht. "Aus eigener Kraft ist
es sehr schwierig für uns, hier Lösungen zu finden." Der Wunsch, das Projekt auf jeden Fall fortzusetzen, wurde häufig ausgesprochen. "Die Schüler sind auf dem richtigen Weg und das Projekt-Team auch", lautete
das Urteil von Dr. Hoger, die ihre Auswertungen an die Lehrer weitergab, damit diese die besagten Kenntnisse in ihrem Lernprogramm berücksichtigen können. Die Anwesenheit der Hündin hat offensichtlich einen derart guten Einfluss auf die Schüler, dass sie zwischen Projekt-Unterricht und dem "normalen" Unterricht (ohne
Hund) eine deutliche Trennlinie ziehen. Dass dies nicht so bleiben soll, steht außer Frage. Mit dem Ziel, dieselben positiven Reaktionen auch im
"Normalunterricht" hervorzurufen, wird das Projekt bis Ende des Schuljahrs fortgesetzt. Das Einbauen der Befragungsergebnisse in den Unterricht soll dabei helfen, die Bedürfnisse der Schüler zu erkennen und, wo nötig,
in die richtigen Bahnen zu lenken. Nach Abschluss des Projektes wird es dann eine letzte Befragung geben, in der sich zeigen wird, ob sich der positive Trend fortgesetzt hat. Schwetzinger Zeitung - 28.01.2006
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